KRITIKEN & REZENSIONEN
von Indira Sturmm
Zwischen Staub und Stimmen
„Ich, Antigone“ im Staatstheater Mainz, 26. Januar 2026
Noch bevor das Theaterstück richtig angefangen hat, ist klar, dass es sich bei diesem Schauspiel nicht nur um eine antike Tragödie handelt, sondern auch um einen Konflikt, der gegenwärtig ist.
Die Inszenierung rückt die Fragen nach Moral und individueller Verantwortung in den Mittelpunkt. Ich, Antigone ist ein Theaterstück nach Sophokles (442 v. Chr.) und erzählt die Geschichte von Antigone, die ihren Bruder Polyneikes beerdigen möchte. Der neue Herrscher Kreon – der zugleich auch Antigones Onkel ist – verbietet dies jedoch. Polyneikes hat als Verbannter einen Krieg gegen seine Heimat geführt und ist somit als Staatsfeind keiner Beerdigung würdig. Antigone widersetzt sich dieser Anordnung und muss mit den Konsequenzen leben.
Das Theaterstück von Anna Gschnitzer unter der Regie von Alexander Nerlich feierte am 28. Juni 2024 seine Premiere und wird seither im Kleinen Haus im Staatstheater Mainz aufgeführt. So auch am 26. Januar 2026. Das Bühnenbild von Thea Hoffman-Axthelm stellt das Relikt eines zertrümmerten Hauses dar: Die Bühne ist seitlich von einem Gerüst mit Fenstern eingezäunt. Überall liegen Planen und hinterbliebene Möbelstücke. Bei der Betrachtung der Bühne fühlt man sich direkt in eine Stadt nach dem Krieg versetzt: Der Boden der Bühne ist bedeckt mit Sand, Staub und schwarzen Überresten. Gschnitzer gestaltet ihre Figuren modern: Antigone und ihre Schwester tragen Vokuhila und nutzen Jugendsprache.
Antigone – verkörpert von Leandra Enders – wirbelt als Zeichen des Protests den Staub auf. Dies wirkt jedoch zu keinem Zeitpunkt triumphierend, wie eigentlich intendiert, sondern eher trotzig und kindlich. Der Staub ist in Neanders Inszenierung ein zentrales Element, aus ihm steigen dunkle Gestalten hervor – darunter auch Antigones Mutter. Sie spielt für Antigone eine wichtige Rolle für sie, da sie immer wieder mit ihr in Kontakt tritt und von ihr Kraft für den Widerstand bekommt.
Die Darstellung der Gestalten hat etwas Magisches und Geheimnisvolles. Die Tontechnik – welche die Stimmen so klingen lässt, als wären sie weit entfernt und als kämen sie von unterschiedlichen Seiten – hat einen großen Einfluss darauf. Leider versagte sie bei Antigone jedoch kläglich, die meiste Zeit war sie sehr leise und kaum zu verstehen. Obwohl das Stück Ich, Antigone heißt, ist in meinen Augen Kreon, gespielt von Denis Larisch, der wahre Star des Stücks. Sein erster Auftritt erfolgt durch den Publikumseingang, womit er die Aufmerksamkeit voll und ganz auf sich zieht. Kreon strotzt nur so vor Ausstrahlung. Ein besonderer Teil der Inszenierung ist, dass Kreon das Publikum miteinbezieht: während er durch die Mitte des Saals schreitet und es als seine “Bürger//innen” adressiert, verändert sich die Atmosphäre im Saal. Sofort fühlt man sich als Teil des Ganzen. Dieses dramaturgische Stilmittel wird ab Kreons erstem Auftritt immer wieder aufgegriffen. Viele Szenen des Theaterstücks finden im oder über dem Publikum (auf den Balkonen) statt. Dadurch bleibt das Stück interessant und hält das Publikum im Geschehen. Auf der anderen Seite ist dieser Aspekt auch negativ zu betrachten – zumindest, wenn man im vorderen Teil des Saals sitzt und sich somit verrenken muss, um weiterhin etwas mitzubekommen.
Das Theaterstück repräsentiert nicht nur eine antike Tragödie, sondern hat auch einen Gegenwartsbezug: Die angesprochenen Konflikte, wie die Entscheidung zu schweigen oder zu sprechen, sich als Frau gegen das Patriarchat aufzubäumen oder allgemein sich als Individuum gegen den Staat zu stellen, sind heute noch präsent in unserer Welt und ein wichtiger Aspekt des Stücks. Der Effekt des Publikumsbezugs wirkt sich hier deutlich aus; denn dadurch wird einem bewusst, wie sehr es auch an den Bürger//innen liegt, die patriarchalen Strukturen einer Gesellschaft zu ändern.
Zusammenfassend ist Ich, Antigone ein gut umgesetztes, abwechslungsreiches Schauspiel. Insgesamt eine sehenswerte Inszenierung.
Redaktion: Lea Bischoff, 11. Februar 2026
„Ich, Antigone“ ist noch bis zum 30. März 2026 im Staatstheater Mainz zu sehen.
von Marie-Claire Nickel
Musical als Ensemblekunst
„Pippin – Die Kunst des Lebens“ an der Staatsoperette Dresden, 25. Januar 2026
Endlich wieder Musical! Das Genre, mit dem für viele – auch für mich – die Leidenschaft fürs Musiktheater begonnen hat. Mit Pippin – Die Kunst des Lebens zeigt die Staatsoperette Dresden am 25. Januar 2026, wie groß, pompös und zugleich ambivalent ein solcher Abend sein kann.
Schon das Bühnenbild weckt hohe Erwartungen: Eine dominante Treppe, viel Raum und eine lebendige Atmosphäre; mehr Schloss als Zirkus, eher Graf Krolocks Gemäuer als klassische Manege. Ein Bild, das gut zur Grundstimmung des Abends passt.
Die Eröffnung fährt direkt das volle Musical-Repertoire auf: Tänzer//innen laufen durch die Zuschauerreihen, große Choreografien, wo man hinschaut und irgendwo regnen Laubblätter herab. Die unausweichliche Frage stellt sich früh: Hält der Abend, was er hier verspricht? Zum Großteil tut er das. Pippin erweist sich als ein insgesamt beeindruckender Musicalabend mit hoher musikalischer und choreografischer Qualität. Besonders das Orchester überzeugt durch seine stilistische Bandbreite: Walzer, Marsch, Jazznummern und klassische Musical-Melodien gehen nahtlos ineinander über und zeigen, wie vielseitig dieses Genre sein kann. Der Klangkörper spielt leidenschaftlich, kraftvoll und führt das Publikum souverän durch alle stilistischen Wechsel der Komposition.
Immer wieder finden sich im Verlauf des Abends szenografische Momente, die das ästhetische Gesamtbild abrunden und aus der Operettenbühne etwas ganz Großes machen. Die Kraft und Energie des Ensembles, insbesondere des Balletts, sind dabei kaum zu übersehen. Hier wird mit vollem körperlichem Einsatz gespielt, getanzt und erzählt. Auch der Chor überzeugt mit starker Präsenz, strahlenden Harmonien und einer Stimmkraft, die mühelos mit deutlich größeren Häusern mithalten kann.
Doch was bleibt, wenn Musik und Tanz fehlen? Der Fokus richtet sich unweigerlich auf das Schauspiel; die größte Schwäche des Abends. Während Gero Wendorff (Pippin) und Sybille Lambrich (Katharina) mit pointierter, authentischer Leistung überzeugen, fallen andere Figuren vor allem im ersten Akt durch überzeichneten Klamauk auf. Ein Humor, der stark an Operetteninszenierungen der frühen 2000er erinnert und heute reichlich angestaubt wirkt. Zwar zünden einige der überholten Anspielungen beim Publikum, doch auffällig ist: Bei feinen Nuancen und klugen Seitenhieben wird deutlich mehr gelacht als bei grobem Slapstick. Hier wünscht man sich mehr Mut zur schlichten, zeitgemäßen Humoristik.
Die stimmlichen Leistungen wirkten an diesem Abend stellenweise eingeschränkt, was der Qualität jedoch kaum Abbruch tut. Besonders die Stimme von Kerry Jean (Prinzipalin) bietet die volle Bandbreite an Stimmkunst. Da sitzt jeder Ton und jede Verzierung, jedes Belting und jeder Run. Nicht zuletzt durch sie wird die Staatsoperette ihrem Motto „Broadway in Dresden“ absolut gerecht! Hervorzuheben ist zudem die Leistung von Bettina Weichert (Pippin´s Großmutter), die mit großer Wärme und Leichtigkeit die zentrale Parabel vom Erwachsenwerden erzählt. Diese Geschichte ist in Pippin nicht grundlegend anders als in vielen anderen Coming-of-Age-Erzählungen, wird hier aber mit einer Selbstverständlichkeit und Menschlichkeit vermittelt, die berührt. Weniger glaubwürdig erscheint Pippins völlige Aufgabe des Lebenswillens. Die Verzweiflung bleiben auf der Textebene, spürbar wird die Tiefe seines Gefühls nicht. So beschwingend die Inszenierung auch ist, hätte es diese spürbare Schwere gebraucht, um die Leichtigkeit der Inszenierung zu konkterkarieren und Pippins Gefühle glaubhaft zu vermitteln.
Aus einer jungen Publikumsperspektive gelingen die Versuche, feministische Frauenfiguren zu zeichnen, nicht stringent. Weder die intrigante Fastrada noch die selbstbestimmte Katharina sind konsequent bis zum Ende ausgearbeitet. Durch Kleinigkeiten verlieren beide Charaktere immer wieder an Stärke und Unabhängigkeit. Auch Meta-Kommentare, wie der Hinweis auf die Pause aufgrund vermeintlich gesunkener Aufmerksamkeitsspannen, wirken auf ein junges Publikum eher abstoßend als witzig.
Trotz dieser Dämpfer gelingt der Inszenierung ein detailverliebtes Worldbuilding, in dem die Geschichte von Pippin mit viel Magie und Leidenschaft fürs Genre Musical wundervoll funktioniert. Zum “Triple Threat“ fehlt dem Abend lediglich etwas Timing, in den sonst sauber angelegten Szenen.
Wer Musical liebt, muss Pippin sehen. Wer sich gern in opulenter Musik verliert, wird hier fündig. Und wer die Staatsoperette Dresden kennt, wird überrascht sein, wozu dieses Haus fähig ist.
Redaktion: Lea Bischoff, 25. Januar 2026
„Pippin – Die Kunst des Lebens“ ist noch bis zum 22. Mai 2026 in der Staatsoperette Dresden zu sehen.
von Alicia Ciminello
Zwischen Wellenwänden und Klippen
„Der fliegende Holländer“ im Steinbruch St. Margarethen, 10. Juli 2025
Ein atemberaubendes Bühnenbild eröffnet den Abend: Elf Meter hohe Wellen türmen sich am Fuße des Steinbruchs von St. Margarethen. Ganz oben thront ein imposanter Leuchtturm, der schon von der Straße aus auf sich aufmerksam macht. Noch bevor der erste Ton erklingt, fesselt die gigantische Naturkulisse die volle Aufmerksamkeit des Publikums.
Am 10. Juli 2025 wurde Richard Wagners Der fliegende Holländer in einer spektakulären Open-Air-Inszenierung unter freiem Himmel aufgeführt, ein Erlebnis, das weit über eine gewöhnliche Opernvorstellung hinausging. Die Bühne verwandelte sich in einen Schauplatz, der durch seine rauen Felswände, das unberechenbare Wetter und die offene Luft eine lebhafte Dramatik entfaltete. Doch das Wetter spielte mit. Trotz angekündigter Schauer blieb es trocken, ein Glücksfall für Publikum und Produktion. Dafür war der Wind, der an diesem Abend durch den Steinbruch zog, “unpaid actor”. Er ließ alles noch lebendiger wirken und verstärkte die Illusion eines echten Sturms auf See. Man hatte tatsächlich das Gefühl, sich zwischen Klippen und Gischt zu befinden. Die lockere, fast festivalartige Stimmung im Publikum tat ihr Übriges. Anders als bei vielen traditionellen Opernabenden herrschte hier eine offene, entspannte Atmosphäre.
Das Bühnenbild dominiert hierbei ohne Frage den Eindruck des Abends und beweist, welchen Anteil technische Umsetzungen an gelungenem Musiktheater haben können. Ganze Schiffe tauchten scheinbar aus dem Nichts auf und Gebäude klappen sich wie ein Puppenhaus auf. Diese Effekte waren nahtlos in die Handlung eingebettet und verstärkten die mystische Atmosphäre des Werks mit eindrucksvoller Wucht. Momme Hinrichs arbeitete in seinem Bühnenbild mit monumentalen Wellenkörpern, deren schäumende Kämme das Meer spürbar machten – dramatisch, aber niemals überladen.
Ein besonders gelungenes Element war der Einsatz von Video (Roland Horvath). Szenen, die abseits des Hauptgeschehens oder in für das Publikum eigentlich unsichtbaren Räumen spielten, wurden im Stil alter Stummfilme auf einen der imposanten Felsen projiziert. Anders als bei manchen anderen Operninszenierungen, bei denen Live-Kameras oft deplatziert wirken und der Magie der Bühne im Weg stehen, war der Videoeinsatz hier präzise. Er erweiterte das Bühnengeschehen um eine filmische Ebene, ohne die Live-Atmosphäre zu stören. Dies erweiterte den Abend um einen besonders beeindruckende cineastische Ebene, welche die Übergänge zwischen den Szenen fließend gestaltete, fast wie in einem Hollywood-Film. Licht, Nebel und die Bewegung der Bühnenmaschinerie erzeugten teils Perspektiven, die an Kamerafahrten erinnerten. Das dichte Zusammenspiel aus Live-Spiel, Projektionen und Bühnenarchitektur zog das Publikum mitten in die Handlung.
Musikalisch wurde der Abend vom Piedra Festivalorchester unter der Leitung von Patrick Lange getragen. Die tagesaktuelle Besetzung war durchweg stark: James Rutherford gestaltete den Holländer mit großer stimmlicher Autorität. Johanni van Oostrum als Senta glänzte mit strahlender Höhe und starker Bühnenpräsenz.
Die Regie von Philipp M. Krenn setzte auf klare, lesbare Bilder und intensive Atmosphären. Sie konzentrierte sich auf das Wesentliche der Handlung – das Ringen um Erlösung, Identität und Sehnsucht – und schuf dabei Räume, in denen sich die Charaktere entfalten konnten. Es zeigt sich: Musiktheater, auch und gerade Wagner, kann nahbar, direkt und mitreißend sein ohne Kompromisse bei der künstlerischen Qualität. Beim erstmaligen Besuch der Oper im Steinbruch wird man leicht von der Größe, Präzision und Wirkung der Spielstätte überrascht. Dass Oper unter freiem Himmel so intensiv und vielschichtig sein kann, trotz der nicht zu leugnenden begrenzten Möglichkeiten, ist ermunternd. Da wächst die Freude auf das Programm im kommenden Jahr! 2026 steht Tosca auf dieser außergewöhnlichen Bühne. Nach diesem Abend ist klar: Der Steinbruch bietet weit mehr als ein eindrucksvolles Erlebnis – er ist eine Bühne voller Möglichkeiten.
Redaktion: Josephine Oess & Marie-Claire Nickel, 19. Dezember 2025
von Marie-Claire Nickel
Von der Kunst auf die Hölle zu warten
2. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden, 14. Oktober 2025
Manchmal ist Warten der schönste Teil eines Konzerts. Dieses leise Einatmen vor dem ersten Ton, die gespannte Stille, die den Raum erfüllt, bevor Musik entsteht. Doch an diesem Abend bleibt sie aus. Der Kammerton, der sonst wie ein Zauberspruch wirkt und jedes Gespräch zum Verstummen bringt, verpufft fast beiläufig. Das Publikum raschelt, Stühle knarren, Musikerinnen und Musiker rücken auf ihren Plätzen zurecht. Zwischen Jeans und Abendkleid verschwimmt die Grenze zwischen Alltagskultur und Hochglanz. Alles ist bereit, und doch scheint niemand angekommen. Spannung liegt nicht in der Luft – ein Anfang ohne Aufbruch?
Haydns Sinfonie Nr. 44 e-Moll Hob. I:44 «Trauersinfonie» beginnt mit vertrauten Gesten. Man hat sie schon gehört, irgendwo, irgendwann. Das Allegro con brio will mit Kontrasten leuchten, doch die Energie bleibt mehr im Körper des Dirigenten Finnegan Downie Dear, als im Klangkörper Ausdruck zu finden. Das Pianissimo glänzt technisch, trägt aber wenig zur Erzählung bei. Die Musik wirkt gezügelt, als läge ein Schleier zwischen Idee und Ausführung. Erst im Adagio öffnet sich dieser kurz: eine Bedrohung, angestoßen von den Blechbläsern, legt sich über die ruhige Fläche. Für einen Moment scheint die Musik zwischen Licht und Dunkel zu ringen, doch bevor man versteht, wer gewinnt, verwirft das Presto diesen Kampf und haut einem die Hoffnung nur so um die Ohren. So bleibt am Ende die Frage, warum ein Werk, das laut Programm „mit Trauer nichts zu tun“ hat, den Abend eröffnet, der doch von Tod und Unterwelt erzählen will.
Dann bringt Adès Inferno Suite endlich das, was das Programm verspricht: Höllenlärm, Herzklopfen und hypnotische Energie. Treibende Bläser, zerreißende Glissandi und ein Glockenspiel, das einem die Härchen im Nacken aufstellt. Das Schlagwerk – an diesem Abend unter anderem mit einem Musiker der Giuseppe-Sinopoli-Akademie besetzt – wird zum Herz dieses Infernos. Es donnert, hämmert, zischt, und der Boden beginnt unter den Schuhsohlen zu beben. Man möchte sehen, wer diesen Donner entfesselt, doch die Bühne bleibt dank langweiligem Orchesterzimmer undankbar grau. Trotzdem entfaltet sich hier das, was vorher gefehlt hat: Spannung, Risiko und Spieltrieb. Ein Kontrabassist gerät so sehr in Bewegung, dass man fast von Headbangen sprechen möchte. Man wünscht sich, dieses Konzert fände um Mitternacht statt, mit Popcorn und flackerndem Licht. Hier, im siebten Höllenkreis, spielt die Musik endlich befreit.
Nach der Pause klingt Antonín Dvořáks Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104 wie der Versuch, Ordnung wiederherzustellen. Der Solist Gautier Capuçon steht im letzten Teil des Konzertes im Zentrum. Seine Virtuosität finden in seinem Körper den stärksten Ausdruck; schon nach dem ersten Satz hängt sein Bogen in Fetzen. Man spürt den Willen zur Emotion, aber sie wirkt kuratiert, als wolle er das Fühlen gleich für den gesamten Saal übernehmen. Die kleinen Momente, in denen er mit den Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle in Dialog tritt, wirken ehrlicher als die großen Gesten. Sein Ton ist fein, leise und perfekt. Doch erst dort, wo Cello und Orchester ineinander übergehen, entsteht kurz diese Wahrheit, die man am Anfang gesucht hat.
Dvořák hat in diesem Werk Tod und Verlust verarbeitet, heißt es im Programmheft. Und doch wirkt es wie eine Rückkehr in die Sicherheit nach dem Sturm. Wo Adès das Unbekannte berührt, bleibt Dvořák in der Beherrschung. Virtuosität ersetzt Erschütterung, Perfektion überdeckt Emotionalität.
Und dann ist es wieder da, das Warten. Der Applaus kommt zögerlich, als müsse sich das Publikum erst über seine Begeisterung verständigen. Hände finden nur langsam zueinander, der Beifall wächst behutsam, bis einige schließlich aufstehen. Es ist eine Standing Ovation mit Nachdenkpause – vielleicht, weil niemand so recht weiß, ob das, was man gehört hat, wirklich berührt hat. Oder weil die Spannung, die dem Abend so oft fehlte, selbst im Schlussmoment nicht ganz zurückkehrt.
Redaktion: Franka Limmer, 15. November 2025