AUSSTELLUNGSBESPRECHUNGEN
von Athanase Roßberg
DIE GROßEN FARBEN DES LEBENS
Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch – Die großen Fragen des Lebens im Albertinum Dresden
Gesehen am 20.02.2026 und 10.03.2026.

Ausstellungsansicht „Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens“, ©Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Oliver Killig
Die Kunst von Paula Modersohn-Becker und jene von Edvard Munch strotzen vor Lebendigkeit und doch sind sie gleichzeitig eine Ode an die Melancholie und die Abgründe des Lebens. Nur begegnen beide Künstler//innen dieser Tatsache auf ihre ganz eigene Art.
Paula Modersohn-Becker schöpft ihren selbstbewussten und doch realistischen Blick, der vor allem aus Braun- und Rottönen. Dagegen versucht Edvard Munch diesen Themen mit seiner expressiven Farbigkeit zu begegnen. Aber eines ist bereits am Anfang klar: Beide wirken gleichzeitig radikal und nahbar.
“DIE ANGST VOR DEM LEBEN IST NOTWENDIG FÜR MICH” (von Brauchitsch, 2025)
Die Ausstellung empfängt die Besucher//innen hell und offen und mit einem direkten Augenkontakt zwischen den Selbstporträts der zwei Künstler//innen. Links jene von Edvard Munch, welche von dem „Selbstbildnis vor blauen Himmel” von 1908 dominiert werden. Ein Werk, das durch den geschwungenen, hellen Himmel zunächst lebensbejahend erscheint, aber dennoch aus dem Gesicht des Künstlers die Tiefe und Trübnis seines Lebens ablesen lässt. Vor allem die Augen erzählen von seinen Kämpfen mit Alkohol, Liebesdramen und einem Nervenzusammenbruch.


Edvard Munch, Selbstbildnis vor blauem Himmel, 1908, ©Munchmuseet, Oslo
Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis mit Hand am Kinn, 1906/07, ©Landesmuseum Hannover/ARTOTHEK
Demgegenüber jene von Paula Modersohn-Becker. Da hängen Bilder, die viel suchender und in sich gekehrter erscheinen. Und genau dies zeigt das Selbstbewusstsein, welches sie als Künstler prägte. Auf ihrem “Selbstbildnis nach halblinks, die Hand am Kinn” von 1906 dreht sie sich von ihren Betrachtern ab. Aber ihre großen, dunklen Augen lassen uns nicht aus dem Blick. Das Bild scheint ihren Drang, einen Platz in der Kunst dieser Zeit zu finden, am besten zu zeigen.
Denn in der Verschiedenheit der Selbstportraits fragt man sich schnell, welche dieser Bildnisse wohl am ehesten der “wahren” Paula Modersohn-Becker wohl entsprechen.
Dass beide Künstler sich wohl nicht begegnet sind, kann man guten Gewissens im Hinterkopf behalten, ebenso die Tatsache, dass beide sich in ihrem Leben zumindest zeitweise in Dresden aufhielten: Paula Modersohn-Becker wurde 1876 in Dresden geboren und lebte hier bis zu ihrem 13. Lebensjahr. Edvard Munch war dagegen zwischen 1893 und Ende der 1920er immer wieder in der Stadt.
Grundsätzlich bewegt sich die Ausstellung, wie der Untertitel “Die großen Fragen des Lebens” reklamiert, entlang von Geburt, Leben und Tod. Themen, die auch in den Landschaftsgemälden mitschwingen.
Edvard Munchs Bilder strotzen nur so von Farben und Formen. “In allem ist Leben”, sagte Edvard Munch treffend und es scheint wie ein Credo für seine Bilder zu sein. In seinem Gemälde “Neuschnee in der Allee” von 1906 ringen die dunklen Töne der winterlichen Bäume mit dem hellen, in das Bild hinein ziehenden Weg. Am unteren Ende des Bildes erscheinen zwei Menschen, die aus der Szene heraus zu drängen scheinen, als würden sie vor der Melancholie der dunklen Monate fliehen. Dass Munchs Bilder als Seelenlandschaften angesehen werden, lässt sich da gut nachvollziehen.
Paula Modersohn-Becker verbrachte immer wieder längere Zeit in Worpswede bei Bremen, inmitten der grau-braunen Töne des dortigen Hochmoores. Und so sind es auch diese Farben, welche ihren Pinselstrich dominieren und ihre Gemälde gedeckt, flächig und trüb erscheinen lassen. Aber schaut man sich die Gemälde an, zum Beispiel “Moorgraben” (um 1900), dann vollbringt sie etwas Erstaunliches: Die Bilder wenden sich trotz aller Nüchternheit nicht dem Leben und der Freude ab. Und so ist es dann doch dieses helle Flüsschen, welches die Wolken spiegelt, was einen Innehalten lässt zwischen ihren sonst von Birken dominierten Gemälden.

Paula Modersohn-Becker, Moorgraben, um 1900, ©Albertinum | GNM, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel
Paula Modersohn-Becker schafft es herauszuarbeiten, was sonst übersehen wird: Eine Landschaft, die frei ist von romantischer Verklärung und farbiger Überladung. Menschen, die vom Alter und der Arbeit gezeichnet sind. Menschen, die Leben empfangen und sich dem Tod stellen müssen. Aber vor allem gibt sie diesen großen Themen eine weibliche Sichtweise. Jene, die damals absolut und bis heute unterrepräsentiert und von Männern überlagert wird.
Ein gutes Beispiel dafür sind ihre Aktdarstellungen, von anderen und von sich selbst. Gemälde, die sichtlich eine kunsthistorische, männliche Tradition in sich tragen, von Lucas Cranach bis Paul Gauguin. Aber im Gegensatz dazu entzieht sich die Nacktheit in Paula Modersohn-Beckers Bildern einer störenden Sexualisierung. Ihre Bilder geben sich mit der Realität eines nackten Körpers zufrieden und machen sie dadurch interessant und geben ihnen ihre reine Schönheit wieder. In der Ausstellung wird man auch auf jene Akte von Munch treffen, die dagegen häufig gesehen und schwer wirken.

Ausstellungsansicht „Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens“ ©Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Oliver Killig
LEBEN! LEBEN! LEBEN!
Im Laufe der Ausstellung werden die Themen der Gemälde düsterer, direkter und unausweichlich – Liebe und Eifersucht, Geburt und Krankheit, der Kreis des Lebens. Und auch wenn die großen Gemälde über den Lauf des Lebens prominent in der Ausstellung hängen (genannt sei hier das Gemälde “Das Leben” (1925-30), welches ursprünglich in Dresden beheimatet war, aber im Zuge der „Entarteten Kunst“ des Dritten Reiches nach Oslo gelangte und nun wieder gastiert), sind es gerade die Gemälde über die Facetten der Liebe, aber vor allem jene über die Krankheit, welche die wahre Stärke von Edvard Munchs Kunst zeigen.
Das große Gemälde “Das kranke Kind”, welches neben anderen Fassungen in der Ausstellung zu sehen ist, nimmt die Betrachtenden ein. Ein in grün gehaltenes Bild erzählt vom verzweifelten Wissen, dass die Krankheit der Tochter kein gutes Ende finden wird. Das Mädchen, welches wahnhaft die Mutter anblickt, die hoffend und dennoch trauernd am Krankenbett sitzt. Es ist die vergebliche Suche nach der Hoffnung, die man unausweichlich beim Betrachten spürt.
Diese Drastik der Abgründe ist bei Paula Modersohn-Becker weniger sichtbar. Boris von Brauchitsch schreibt dazu treffend in seiner Biografie: “Anders als etwa bei Edvard Munch, bei dem der Tod >> eigentlich stehts anwesend << ist, malt Paula Modersohn-Becker, um ihr Glück besser fassen zu können.” (von Brauchitsch, 2025)
Bei ihr sind es vor allem die Bilder über Mutterschaft und ihre Kinderportraits, welche von der Liebe und den Lebensrealitäten der Menschen erzählen. Die Mütter haben nichts von heiligen Madonnen und dadurch sind sie so viel poetischer. Noch deutlicher wird ihr ungeschönter Blick auf die Menschen in den Kinderportraits, denen man die französische Kunst dieser Zeit deutlich ansieht. Die Mädchen sehen verloren aus, blicken einen direkt an mit ihren großen Augen und erzählen uns schon so viel von Armut und dem Kampf nach Selbstermächtigung. Paula Modersohn-Beckers Kunst wirkt in all diesen Facetten künstlerisch noch immer modern und die darin gestellten Fragen voller Aktualität.


Paula Modersohn-Becker, Mädchenkopf, ca. 1905, ©Städel Museum, Frankfurt am Main
Edvard Munch, Das kranke Kind, 1925, ©Munchmuseet, Foto: Juri Kobayashi
Beide, Edvard Munch und Paula Modersohn-Becker, haben viel vom Leben gesehen und sie mussten beide sichtlich viel fühlen, um diese Art von Kunst zu erschaffen und einen Ausdruck zu finden, der uns bis heute nachvollziehbar ist. Mehr noch, sie fanden Farben und Erzählungen, welche uns etwas über das Leben lernen lassen. Und so kann man ihren stummen Gesprächen lauschen, die sie in ihren Bildern miteinander führen.
Nur leider fällt dieser Dialog dann doch etwas stumm aus. Manche Abschnitte der Ausstellung erlauben einen direkten Austausch, doch insgesamt scheinen sich die Räume der beiden Positionen am Ende doch zu separieren. Wie gern würde man vor den Bildern stehen und direkt vergleichen, wie die verschiedenen Bäume sich ähneln und unterscheiden oder mit welchen unterschiedlichen Mitteln Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch Intimität erzeugen oder Gesichter anonymisieren. Und so fällt eine wirkliche Reibung zwischen den stilistischen Herangehensweisen und deren unterschiedlicher Sicht auf das Leben schließlich doch schwer. Und auch die Bezüge zu den gut gewählten Positionen anderer Künstler//innen aus der hauseigenen Sammlung sind nur hin und wieder gut greifbar. So bleibt die Eva von Lucas Cranach nur im Rücken, wenn man Paula Modersohn-Beckers Selbstbildnis betrachtet oder das Gemälde von Georg Baselitz erscheint dann doch eher wie ein Endpunkt, dem der erzählende Satz zuvor fehlt. Paula Modersohn Becker und Edvard Munch bleiben daher doch ein wenig zu sehr für sich selbst stehen.
Und so verlässt man die Ausstellung, von den Bildern und den Farben gerührt, aber mit dem Wissen: Die großen Fragen des Lebens bleiben am Ende doch die großen Fragen des Lebens.
Redaktion: Josephine Oess, 01. Juni 2026
„Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens“, war bis zum 31. Mai 2026 im Albertinum Dresden zu sehen.
Boris von Brauchitsch: Paula Modersohn-Becker, Biografie, Insel 2025 und Hrsg. Sächsische Kunstsammlungen, Dalbajewa,Dehmer: Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch, Die großen Fragen des Lebens, Sandstein-Verlag, 2026.
von Athanase Roßberg
Dunkel war’s, die Kunst schien helle
Über das Verhältnis von Gotik und Moderne in der Ausstellung Gothic Modern in der Albertina Wien.
Ein Ausstellungsrundgang. 19. Dezember 2025

Vincent van Gogh – Kopf eines Skeletts mit brennender Zigarette, 1886, Van Gogh Museum, Amsterdam © Vincent van Gogh Foundation
Die Gotik war dunkel. Die Gotik war schwarz. Tod und Melancholie lagen in ihr. Es ist ein Schreckensbild, das wir mit der Zeit, die oft unter dem Begriff des Mittelalters zusammengefasst wird, verbinden. Doch dieser Blick ist trügerisch und, wie wir sehen werden, zu kurz gefasst.
Man kann der „Düsternis“ der Gotik auch ganz anders begegnen. Dies tut die Ausstellung Gothic Modern in der Albertina Wien sehr konsequent. So treten Werke aus den Jahren zwischen 1875 und 1925 in einen direkten Dialog mit Werken der spätmittelalterlichen Kunst. Dabei wird einem schon am Anfang der Ausstellung bewusst, dass man die Kunstgeschichte nicht nur als eine Abfolge klar abgegrenzter Epochen und Stile verstehen kann, sondern auch als ein ständiges Neu-Diskutieren und Neu-Ausmalen wiederkehrender Themen und Gefühle.
So entsteht eine Ausstellung, die Raum für den direkten Vergleich gibt. Der Rundgang folgt dabei keiner linearen Chronologie, sondern ist bewusst als Abfolge thematischer Dialoge angelegt. Mittelalterliche Werke und Arbeiten der Moderne stehen sich unmittelbar gegenüber und werden nicht als historische Vorstufen oder Nachbilder gelesen, sondern als gleichwertige Bild-Antworten auf dieselben existenzielle Fragen.
In der Kunst finden sich schon immer Themen wie Leid, Mystik und Endlichkeit, sei es in der Zeit der Gotik oder viel später bei Künstlerinnen und Künstlern wie Käthe Kollwitz, Max Klinger oder Edvard Munch – zuletzt in einer wunderbaren Ausstellung über die Angst im Werk von Munch in den Staatlichen Kunstsammlungen Chemnitz. Sieht man die diversen Positionen jedoch einmal nebeneinander, erscheinen die Herangehensweisen universeller, greifbarer und vor allem dichter. Als könnte niemand wirklich der Melancholie entfliehen.
Die Natur trägt Dunkelheit und Furcht in sich. Verweilt man in den detaillierten Stichen von Albrecht Altdorfer aus der Zeit um 1520, wird man nicht müde, noch die kleinste Schattierung zu erkennen und darin eine bestimmte Melancholie zu erspüren. Diesen Bildern gegenüber hängt ein nur so von Farbe schäumender Wald von Edvard Munch. Er wirkt, als würden die hellen Grün- und Ockertöne vom Dunkel der Bäume und des Himmels verschluckt. Die Natur wird sichtlich zu einer Metapher für die Krisen des modernen Menschen – zu einer drohenden Gefahr.

Hans Baldung Grien – Die drei Lebensalter und der Tod, ca. 1509/1510, Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, © Foto: KHM-Museumsverband
Der Tod tanzt. Der Tod lacht. Irgendwo ist er immer präsent, und in der Kunst macht er sich nicht einmal die Mühe, sich zu verstecken. Skelette und Totenköpfe hängen an den Wänden, aber selten mit einer wirklichen Bedrängnis. Da ist dieses Skelett von Vincent van Gogh von 1886 mit einer brennenden Zigarette; es scheint die Endlichkeit eher zu verspotten, als uns zu warnen. Doch bei all den Totentänzen schwingt die düstere Wahrheit mit, erinnern sie uns doch an die Schrecken von Krieg und Pest. Und so verfolgt der Tod seine Opfer in der Kunst am Ende dann doch.

Akseli Gallen-Kallela – Lemminkäinens Mutter, 1897, Finnish National Gallery / Ateneum Art Museum, Antell Collections, Helsinki, © Foto: Finnish National Gallery / Hannu Pakarinen
Nach Hans Holbein d.J. – Der tote Christus im Grab, 17. Jahrhundert, Stiftsbibliothek St. Gallen
© Foto: Stiftsbibliothek St. Gallen
Die Moderne kann als Bruch mit der Kunst der vorherigen Jahrhunderte gesehen werden. Aber sie ist eben auch ein Weiterdenken und Rezipieren dieser Kunst. Am Ende des 19. Jahrhunderts kam es zunehmend zu einer Neubewertung der Werke Albrecht Dürers oder Matthias Grünewalds und deren Auseinandersetzung mit Krisen und Gefühlen, oft noch in einem sehr christlichen Kontext. So findet sich in der Ausstellung eine Kopie des Toten Christus im Grab nach Hans Holbein d. J. – eine sehr menschliche, realistische Darstellung, welche von der Kühle eines toten Körpers erzählt. Dieser Bildtypus des liegenden, fast weißen Körpers findet sich in Gemälden und Zeichnungen der Moderne wieder, zum Beispiel in der Lemminkäinens Mutter des finnischen Malers Akseli Gallen-Kallela – eine eindrückliche Vereinigung nordischer Mythen mit der religiösen Darstellung der Madonna.
Der Körper, die psychischen Regungen, werden greifbar. Die Körper verrenken sich in radikalen Posen, so wie in Egon Schieles Portrait von 1914. In nur wenigen Linien und mit nur dezenter Aquarellfarbe werden Unsicherheit und die Suche nach Identität sichtbar. Und dieser Kampf lässt sich auch in den Darstellungen aus der Gotik nachvollziehen. Ringend und leidend wirken die Leiber und Figuren wie im Heiligen Sebastian von Martin Schongauer aus dem letzten Drittel des 15. Jahrhundert.


Egon Schiele – Männlicher Akt, 1912, Wien Museum
© Foto: Wien Museum
Martin Schongauer – Der heilige Sebastian, letztes Drittel 15. Jahrhundert
Foto: ALBERTINA, Wien
Mit dem zunehmenden Gang durch die Ausstellung verdunkelt sich das Gemüt bei all der Melancholie doch etwas. Es ist erfreulich, dass die Ausstellung mit Dialogen über Liebe, Hingabe und Licht endet. Adam und Eva als Themen bei Albrecht Dürer und Max Beckmann sind dabei beinahe unausweichlich. Intensiver ist jedoch der Vergleich zwischen den klassischen Madonnendarstellungen – exemplarisch hier von Hans Baldung Grien aus dem 16. Jahrhundert – und jenen der Moderne. Zum einen hängt dort die Stillende Mutter von Paula Modersohn-Becker. Alles an diesem Bild erinnert an die typische Haltung der Madonna, die den Knaben schützend auf den Armen hält. Doch bei ihr wirkt es humaner und schlussendlich der christlichen Tradition vollkommen enthoben. Und so begibt man sich auch in den mittelalterlichen Madonnen auf die Suche nach der Mutter.


Hans Baldung Grien Maria mit Kind und Papageien, 1533 Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, © Foto: Germanisches Nationalmuseum, Foto: Dirk Meßberger
Paula Modersohn-Becker –Stillende Mutter, 1902 Kunstpalast, Düsseldorf, © Foto: Kunstpalast – LVR-ZMB – Joshua Esters – ARTOTHEK
Und nun, am Ende, leuchtet es. Die Gotik – die Zeit der strahlenden, hellen Kathedralen, in die das Licht einfällt. Eine expressive Sonne von Munch lässt uns in die Gegenwart zurückkehren.
Bei all diesen Themen schafft diese Ausstellung vor allem eines: Die Kunst des Mittelalters wirkt so viel näher an unserer Gegenwart, und gleichzeitig erscheint jene der klassischen Moderne noch einmal viel mystischer und tiefer. Denn Krisen, Krieg und Düsternis schweben über allem, sei es im Mittelalter, in der Zeit der Moderne um 1900 oder in der Gegenwart.
Gothic Modern ist also mehr als nur ein Dialog, mehr als nur ein Suchen und Finden. Es ist es ein Erkennen von Vielstimmigkeit und ästhetischer Inspiration. Und es ist der Beweis, dass einer guten Ausstellung dann doch auch immer ein wenig Mut guttut.
Redaktion: Josephine Oess, 16. März 2026
Gothic Modern wurde vom 19.September 2025 bis zum 11. Januar 2026 in der Albertina Wien gezeigt.
von Athanase Roßberg
Über das Selbstbewusstsein einer Malerin
Die Wiederentdeckung Michaelina Wautier im Kunsthistorischen Museum Wien, 20. Dezember 2025

Michaelina Wautier – Der Triumph des Bacchus, 1655/59. Öl auf Leinwand, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie; © KHM-Museumsverband
EIN BACCHUS UNTER MENSCHEN
Ein kräftiger, trunkener Bacchus, der Gott des Weines, aalt sich in der Mitte eines Gemäldes. Von einem Satyr auf einer Schubkarre geschoben, wird er von einem Faun mit Traubensaft getränkt. Das Bild wimmelt, so als wären alle mit berauscht, die Faunen, Putten und Tiere. Und doch erscheint bei näherer Betrachtung das Bild viel nüchterner und menschlicher, als man es von anderen Bacchus-Darstellungen zum Beispiel von Peter Paul Rubens kennt.
Rechts auf dem Bild blickt uns eine Faun direkt und durchdringend an, als wolle sie uns von ihrem Selbstbewusstsein überzeugen. Diese Figur besitzt nachweislich die Züge der Malerin und Schöpferin selbst. Und genau dies ist die wahre Überraschung dieses Gemäldes: Es ist das Werk einer zu unrecht vergessenen Malerin des Barock, welche es mit den großen ihrer Zeit aufnehmen kann. Die Rede ist von Michaelina Wautier.
Das Gemälde, das bis zum Jahr 1961 als Arbeit eines männlichen Kollegen galt, verstößt gegen die Konventionen seiner Zeit. Nicht nur Wautiers subtile Selbstinszenierung, auch die nackte Darstellung der männlichen Figuren waren für ein Werk einer Frau kaum vorstellbar. So waren Frauen zu dieser Zeit sowohl das Studium des Aktes als auch die künstlerische Ausbildung kaum möglich.
MEHR EINE SUCHE ALS EIN ERGEBNIS
Dass das Kunsthistorische Museum Wien nun dieser Künstlerin eine so große Ausstellung widmet, ist eine Sensation und markiert einen Wendepunkt. Mit 29 Werken, darunter Hauptwerke aus internationalen Sammlungen, zeigt diese Schau einen fast vollständigen Überblick.
Kuratiert wurde die Ausstellung von Gerlinde Grube, welche auf das Wissen und die Recherche der belgischen Kunsthistorikerin Katlijne Van der Stighelen zurückgreifen konnte, einer treibenden Kraft hinter der Wiederentdeckung Wautier. Diese langjährige Forschung bildet die Grundlage für diese Ausstellung, die sich nicht als Retroperspektive, sondern vielmehr als Zwischenfazit versteht.
Wenig ist bekannt über die belgische Künstlerin, selbst ihr Geburtsjahr 1614 kann nur vermutet werden. In Brüssel lebte sie zusammen mit ihrem Bruder Charles Wautier, der auch Teil der örtlichen Gilde sein konnte. Michaelina selbst war diese Anerkennung als Frau nicht möglich. Doch trotz der räumlichen Nähe gilt eine Zusammenarbeit der Geschwister als ausgeschlossen, was auch an den qualitativen Unterschieden der ausgestellten Werke deutlich wird.
In den Ausstellungsräumen entfaltet sich die stilistische Entwicklung der Malerin in der vollen Breite der von ihr bearbeiteten Gattungen. Man begegnet neben dem Bacchus-Gemälde vor allem ihren Portraits. Aber nur im Zusammenspiel mit der Gesamtheit an Werken –vom Stilleben bis zu Genregemälden –wird Wautiers künstlerisches Spektrum sichtbar. All diese treten dabei in einen Dialog mit zeitgenössischen Werken von Jan van Eyck oder Peter Paul Rubens, welche aus der Sammlung des Museums stammen.

Michaelina Wautier – Die fünf Sinne (Der Geschmackssinn), 1650, Öl auf Leinwand, Rose-Marie and Eijk Van Otterloo Collection, Boston; Foto © 2025 Museum of Fine Arts, Boston
Eine besonders überraschende Arbeit Wautiers stellt die fünfteilige Werkserie der “Fünf Sinne” aus dem Jahr 1650 dar, welche aus dem Kunstmuseum Boston nach Wien gekommen ist (und Wautier erst 2020 zugeschrieben wurde). Voller Kraft und Ironie zeigt die Künstlerin einen Jungen vor einem dunklen Hintergrund, ganz im Sinne des Lichtspiels Caravaggios. Mal hält sich der Bub die Nase zu und verzieht das Gesicht, ein anderes Mal schaut er durch eine kleine Brille. Es hinterlässt ein Schmunzeln, doch bei einem längeren Verweilen zeigt sich an diesen Gemälden das Talent der Malerin exemplarisch. So schafft sie durch die Feinheit der Haare und ihre Fähigkeit, die Haut des Jungen lebendig und plastisch darzustellen, eine berührende Zugehörigkeit.

Michaelina Wautier -Zwei Mädchen als hl. Agnes und hl. Dorothea, 1655, Öl auf Leinwand, Königliches Museum für Schöne Künste Antwerpen – Flämische Gemeinschaft; Fotograf: Rik Klein Gotink
Hingewiesen werden soll auch auf das Gemälde “Zwei Mädchen als hl. Agnes und hl. Dorothea” (um 1655). Den beiden Mädchen ist ihr drohendes Ende als Märtyrerinnen bereits anzusehen. Dabei wirken die Gesichter fast zerbrechlich und dennoch warm. Es ist ein ikonisches Beispiel für das Können, Haare und menschliche Haut darzustellen. Und es verfestigt das Wissen, dass dieser Malerin ein fester Platz im Kanon der Kunst des Barock sicher ist.
Es ist eine wahre Freude, die Werke zu sehen und zu wissen, dass Michaelina Wautier nun durch diese Ausstellung in Wien und demnächst an der Royal Academy in London (27. März bis 21. Juni 2026) ihre längst überfällige Krönung erhält. Und dabei ist die Forschung zu ihr längst nicht abgeschlossen. Es bleibt also spannend.
Redaktion: Josephine Oess, 19. Februar 2026
„Michaelina Wautier. Malerin“ ist noch bis 22. Februar 2026 im Kunsthistorisches Museum Wien und vom 27. März bis zum 21. Juni 2026 in der Royal Academie London zu sehen.
von Athanase Roßberg
Nicht das Schöne, sondern das, was wirklich sichtbar ist
„Diane Arbus“ im Gropius Bau Berlin
Ein Experiment. Gehen Sie raus. Auf die Straße, in den Park, oder setzen Sie sich in einen Bus. Und dann sehen Sie sich die Menschen um sich herum an, ihre Eigenheiten und ihre Gemeinsamkeiten. Und dann fragen Sie sich: Sehe ich wirklich urteilsfrei auf diese Menschen? Sehe ich die Menschen so wie sie sind? Oder sehe ich nur, was in meine Erfahrung passt?
Diese Gedanken werden helfen, die Kunst und gerade die Fotografie noch einmal anders zu sehen.

Diane Arbus: Konstellationen, Installationsansicht, Gropius Bau, 2025
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk. Alle Kunstwerke © The Estate of Diane Arbus, Collection Maja Hoffmann/LUMA Foundation
Ortswechsel: Berlin, Martin-Gropius-Bau. In den hellen Räumen sind schwarze Metallgitter wie zu einem Labyrinth aufgestellt und versperren blickdurchlässig den Weg. Auf diesen dunklen Stäben finden sich 454 Fotografien der amerikanischen Fotografin Diane Arbus (1923-1971) in einer frei zusammengestellten Reihenfolge, ohne Chronologie oder thematische Gruppierung. Bei dieser Breite an Werken ist ein genaues Studieren kaum möglich. Daher ist der Ausstellungsbesuch von Beginn an ein Durchstreifen mit dem Ziel, die Bilder nur auf sich wirken zu lassen.
Da ist diese junge Frau, die etwas zurückhaltend auf der Bank sitzt, die Finger um ihre Korbtasche gelegt, so als müsste sie direkt wieder aufbrechen. An anderer Stelle sieht man zu einem Portrait von Helene Weigel hinauf und spürt einen tiefen Drang in ihrem Blick. Oder die Kinder, welche sich hinter selbstgebastelten Masken vor uns verbergen. All diese Fotografien sind eindrücklich und auf ihre Art unerwartet. Und vor allem die Werke, welche die Außenseiter und Eigenbrötler, die Drag-Künstler*innen und Menschen mit Behinderungen zeigen, sind berührend und machten Diane Arbus weltbekannt.

Diane Arbus, Triplets in their bedroom, N.J. 1963
© The Estate of Diane Arbus, Collection Maja Hoffmann/LUMA Foundation
Sehen Sie sich Triplets in their bedroom, N.J. von 1863 an, und Sie werden die Leistung von Diane Arbus erkennen: Sie schafft es, Menschen mit Achtung darzustellen, ohne sie zu überhöhen oder ihre sichtlichen Eigenheiten zu bewerten. Dabei sollte man auch die Kritik an den Werken nicht unbeachtet lassen: So sah die amerikanische Kulturtheoretikerin Susan Sontag in Arbus‘ Bildern eine Ästhetisierung des Hässlichen – für sie trugen die Bilder auch immer ein Herabsehen auf ihre Modelle in sich.
Genau diesen Drahtseilakt sollte man im Hinterkopf haben, wenn man die Werke betrachtet. Denn dadurch lernen wir, dem Sehen mit mehr Misstrauen zu begegnen und es nach den eigenen Vorurteilen und Prägungen zu untersuchen. Dass die Titel der Fotografien nur im Booklet und nicht in der Ausstellung selbst stehen, hilft dabei: Der Blick ist vom Vorwissen befreit.
Eine weitere Stärke dieser Art der Hängung ist die Möglichkeit, nach Bezügen zwischen den Bildern zu suchen: Wo sind sie sich gleich, und wo sieht man ihren Protagonist*innen einen ganz individuellen Umgang mit ihrer Verletzlichkeit, mit ihrer Unsicherheit und ihrem Stolz an? Denn die sichtbare Suche all dieser Menschen nach einem Platz in der Gesellschaft gibt diesen Bildern eine enorme Aktualität.

Diane Arbus, Two female impersonators backstage, N.Y.C. 1962
© The Estate of Diane Arbus, Collection Maja Hoffmann/LUMA Foundation
Es ist nicht möglich, alle Bilder und alle Geschichten bei einem einzigen Besuch zu erfassen, sodass einen die Ausstellung gegen Ende etwas überlädt und ermüdet. Aber wenn man sich Ruhe nimmt, an den Bildern stehen bleibt, die einen fesseln, dann zeigt sich die volle Stärke dieser Ausstellung und des Werkes von Diane Arbus. Und so kann jede*r Besucher*in am Ende vor allem zwei Erkenntnisse mitnehmen: Zum einen, wie Diane Arbus selbst sagt: “Ein Foto ist ein Geheimnis über ein Geheimnis“. Denn die wirkliche Wahrheit – jene, die nicht nur unsere eigene ist – werden diese Bilder wohl nie gänzlich verraten.
Und zum anderen bleibt etwas, wenn man aus der Ausstellung in die graue Masse Berlins tritt: Man lernt mit jedem Gesicht, das man trifft, immer wieder neu zu sehen.
Redaktion: Josephine Oess, 05. Januar 2026
„Diane Arbus: Konstellationen“, zu erkunden bis zum 18. Januar 2026 im Gropius Bau, Berlin
