HINTERGRÜNDE, KULTURPOLITIK UND EINORDNUNG
Hier setzen wir uns mit komplexen Themen der Kulturszene auseinander. UNTERSUCHT richtet den Blick auf Hintergründe, Strukturen und kulturpolitische Zusammenhänge und lässt Beteiligte zu Wort kommen.
von Hannah Krause
“Was ich am meisten daran genieße, Kultur und Kunst zu machen, ist frei zu sein.”
Görlitz // Drei Stimmen // Zweiter Teil
Während ich im ersten Teil mit Studierenden gesprochen habe, die ihr Ensemble komplett ehrenamtlich organisieren, spreche ich im zweiten Teil mit einer Person, deren berufliche Perspektiven mit Laientheater als freie Theaterform verbunden sind. Das Gerhart-Hauptmann-Theater liegt im Herzen von Görlitz. Hier treffe ich Eva Uhlemann, sie ist Teil des Künstlerischen Betriebsbüros, Theaterpädagogin und Projektleiterin der Hinterlandbühne. Sie erzählt, warum sie Kunst macht und welche Ängste damit verbunden sind. Eva kommt aus Dresden und ist nach Görlitz gezogen, um Soziale Arbeit zu studieren. Während des Studiums fokussierte sie sich auf Theaterpädagogik.
„Ich wusste eigentlich schon immer, dass ich ans Theater will. Ursprünglich wollte ich Schauspielerin werden.”
Mit ihrem jetzigen Beruf könne sie kombinieren, was sie kann und mag, erklärt Eva. Als Kind fand sie Theater immer magisch. Wenn Eva in eine Vorstellung geht, dann sieht sie, wie die Menschen in eine andere Welt eintauchen, so wie sie es als Kind erlebt hat. Sie ist fasziniert davon, dass alte Stücke mit ganz neuem Touch und neuen Themen wieder aufgelebt werden können. Sie ist immer wieder bewegt davon, was Theater mit den Leuten macht. Das ist ein Grund dafür, warum es die Hinterlandbühne, die Bürgerbühne des Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz gibt:
„Ich weiß, was mir das in der Schulzeit gegeben hat, Theater zu spielen und deswegen wollte ich das jetzt auch an andere weitergeben.”
Eva wollte mit der Hinterlandbühne einen neuen Raum für Görlitz schaffen, in dem Kultur nicht nur zum Anschauen ist, sondern ein Ort, der den Menschen etwas zurückgibt und die Möglichkeit bietet, in engem Austausch zu sein. Inspiriert wurde sie von der Bürger:bühne des Staatsschauspiels Dresden, diese existiert seit 2009 und soll ein künstlerischer Ort für alle sein. „Ich dachte auf einer Zugfahrt hierher: Görlitz braucht das auch!‘“ Eva erklärt, dass die Hinterlandbühne Themen aufgreifen soll, welche die Menschen in Görlitz beschäftigen. Sie entscheiden selbst, was ihr Theater spielt. Die Menschen an der Hinterlandbühne sind vielfältig. Ob Rentner//in, Student//in, Malermeister//in, Yogalehrer//in oder Krankenpfleger//in, an Bürgerbühnen kommen unterschiedliche Leute zusammen, die ihre eigenen Themen einbringen können. Dem Theater wird oft vorgeworfen, elitär zu sein; Bürgerbühnen können dieser Kritik mit ihrer Niederschwelligkeit entgegenwirken.
Nach einem ersten Treffen der Hinterlandbühne war laut Eva klar, das erste Stück soll ein „typisch Görlitz“ Stück sein. Daraufhin wurden Figuren entwickelt und durch diese kamen dann die Geschichten zustanden. Die Figurenarbeit dauerte ein halbes Jahr, erklärt Eva begeistert. Danach wurden die Szenen geschrieben:
„Das funktioniert am besten, wenn die Leute ihre Rolle gut kennen. Szenen werden dann improvisiert. Es wird vorher festgelegt, was grob passiert und dann lass ich mein Handy mitlaufen. Nach der Probe wird dann transkribiert und dadurch entsteht dann das Textbuch. Dann gehen wir ins Textlernen und ins szenische Arbeiten richtig rein und dann gibt’s ’ne Endprobenwoche und dann ist Premiere.“
So war das Vorgehen für das erste Stück der Hinterlandbühne „Am Küchentisch nüscht Neues“ und „Unter’m Weihnachtsbaum nüscht Neues“. Ersteres behandelt Themen, wie dass der Sohn seine Homosexualität verheimlicht und die Tochter jetzt Veganerin ist. Darüber waren die Eltern empört. Die Essenz am Ende: Ehrlich miteinander sein und die Liebe innerhalb der Familie wertschätzen.
„Ich glaube, wir bieten keine richtige Lösung, wie man gut damit umgeht. Im zweiten Teil war es noch schlimmer, weil sie die ganze Zeit getrunken haben. Das würde ich wirklich gar nicht als Lösungsansatz präsentieren.”
Eva kichert bei dieser Aussage. Sie berichtet, was die Teilnehmenden beschäftigt.
„Unser Fokus war, wir wollten eine Komödie machen, weil wir gesagt haben: Boah, immer wenn man gerade ins Theater geht, kriegt man irgendwie ’n Zeigefinger erhoben. Man bekommt irgendwie so ’n Ding vorgesetzt und dann muss man da drüber nachdenken.”
Für Eva ist eines klar: Sie will, wenn sie ein Stück sieht, sich völlig fallen lassen können. Die richtige Lösung für den Umgang mit familiären Konflikten hat das Ensemble der Hinterlandbühne nicht gefunden, außer wohlwollend miteinander zu reden und sich gegenseitig zuzuhören.
„Ich glaube, wenn wir uns alle ein bisschen mehr zuhören und versuchen, uns zu verstehen, könnte man auch das Nach-Hause-Kommen und eine große Familienrunde mit vielen schwierigen Fragen gut überleben.”
Ob es einen Unterschied zwischen Publikum in Dresden und Görlitz gibt? Laut Eva hat Görlitz ein relativ altes Publikum: „Wir nennen sie intern liebevoll unsere Silberlocken, was total liebevoll und charmant gemeint ist.”, erzählt Eva lachend. Das Görlitzer Publikum wolle gerne das sehen, was bekannt ist.
„Wir versuchen auch jüngere Leute zu begeistern und das kriegen wir nicht hin, wenn wir Sachen spielen, die überall gespielt werden. Und deswegen gibt es hier eine ganz schöne Waage aus Experimenten und Klassikern.“
Eva sagt über das Theaterpublikum in ländlichen Räumen, dass es weniger experimentierfreudig sei. Dort die Waage zu finden, sei für Eva die beste Herangehensweise, neue Elemente in das Theater zu bringen. Dieses hat für Eva eine große Verantwortung – auch eine politische – weil es ein öffentlicher Raum ist, der zum Diskutieren anregen soll, kann und muss.
„Das Schöne am Theater, wenn es gut gemacht ist, dann denkt sich jeder seinen eigenen Teil und kann diskutieren. Jeder sieht etwas anderes und interpretiert anders.”
Eva erklärt, dass Theater gut genutzt werden kann, um Botschaften zu vermitteln, sie möchte den Menschen durch ihre Arbeit etwas mitgeben. Görlitz hat bei der Bundestagswahl 2025 mit 48,9% die AfD gewählt. Auch wenn Künstler//innen hier durch die Kunstfreiheit geschützt sind, haben gerade Menschen aus der freien Theaterszene Sorgen angesichts von Kulturkürzungen und dem Erstarken der AfD. Auch Eva beschäftigt das, ihre Ängste sind existenziell, verbunden mit den Kürzungen von kulturellen Stellen.
„Es ist tatsächlich einfach mein Traumberuf, den ich hoffentlich noch sehr lange machen kann. Und gleichzeitig habe ich auch die Angst, dass ich meinen Job behalte, aber mir dann vorgeschrieben wird, was ich machen soll. Was ich am meisten genieße, daran Kultur und Kunst zu machen, ist, frei zu sein.”
Von der Intendanz bekomme sie keinerlei Vorgaben, in welche inhaltliche Richtung sie mit ihren Gruppen gehen soll. Sie hat freie Hand und kann so den Teilnehmenden die Möglichkeit geben, ihre eigenen Themen zu präsentieren. Sie habe sich von Anfang an auch Gedanken gemacht, was es heißt, eine Bürgerbühne in Görlitz zu leiten.
„Mein Gefühl ist, dass Görlitz so einen Stempel hat. Hier gibt es ganz viele rechte Menschen und es gibt aber auch ganz, ganz viele, die das nicht sind und die sich darauf nicht einlassen.”
Und damit endet der zweite Teil und diese kleine Reihe rund um die Laientheater-Kultur in Görlitz. Bürgerbühnen sind gesellschaftliche und politische Orte für Kultur, an denen Menschen das einbringen können, was sie bewegt. Diese Form von Theater kann und soll politisch sein. Doch egal wie progressiv, Bühnen wie diese machen den Zugang für alle auf einfachem Weg möglich, denn Kultur ist für alle da.
Redaktion: Lea Bischoff , 30. März 2026
von Hannah Krause
„Ich möchte Menschen andere Welten aufzeigen“
Görlitz // Drei Stimmen // Erster Teil

Drei Perspektiven auf eine Stadt, die auf so einige Geschichten zurückblickt. Görlitz: Europastadt, Kulturstadt, Architekturstadt. Liebevoll auch Görliwood genannt, weil hier die ein oder andere Hollywoodproduktion gedreht wurde. Doch wie sieht es mit der Theaterlandschaft in der Kulturhauptstadt aus? Im ersten Teil dieses Hintergrundberichtes treffe ich zwei Stimmen des StudierendenEnsembles Görlitz. Hier wird viel darüber geredet, was Theater eigentlich bedeutet, individuell und auch gemeinschaftlich.
Das StudierendenEnsemble probt an diesem kalten Novemberabend in der Obermühle Görlitz, ich treffe mich mit der Leiterin Selina Henker. Der erste Schnee hat die Pflastersteine hier runter etwas rutschig gemacht, die Obermühle befindet sich direkt an der Neiße, dem Fluss, der Deutschland und Polen voneinander trennt. Das Gebäude ist etwas in die Jahre gekommen und überzeugt durch seinen alten Charme. Wir unterhalten uns in der alten Kantine, hier riecht es nach vergangenen Tagen und Mittagspausen.

Selina ist nach Görlitz gekommen, um Kultur und Management zu studieren. Mittlerweile seit sieben Semestern. „Das heißt, ich bin schon gut ein paar Jährchen hier“, sagt sie leicht schmunzelnd. Neben dem Studium habe sie einen Ausgleich gesucht und hat das StudierendenEnsemble gefunden, dort hat sie verschiedene Rollen ausgetestet. Seit Sommer 2025 leitet Selina das Ensemble. Das bedeutet viel organisieren, vorbereiten und mit dem Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau kommunizieren. Für Selina war eins immer klar:
„Bevor ich damit angefangen habe, hatte ich immer die Idee, dass ich gerne was machen möchte, wo ich Menschen einfach ein schönes Erlebnis vermitteln kann. Ich möchte Menschen andere Welten aufzeigen.“
Mit dem StudierendenEnsemble kann sie sich kreativ ausleben und sich selbst besser entdecken. Die Studierenden sind vom Theater Görlitz weitestgehend unabhängig und sind daher frei in ihrer Themenwahl. Unter dem Titel „Die Lage ist beruhigt“, ein Stück über den Volksaufstand in der DDR, wurde mit anderen Ensembles aus Görlitz zusammengearbeitet. “Untereinander sind wir gut vernetzt”, erklärt Selina. Dem StudierendenEnsemble geht es weniger um politische Positionierung, als um Spaß und Abwechslung im Alltag.
„Unser Publikum besteht zum größten Teil aus Freunden, Familie und Hochschulangehörigen. Das heißt, wirklich weit in die Welt tragen werden wir unsere Stücke nicht, das ist uns bewusst. Deswegen nehmen wir einfach Themen, die uns selbst interessieren.“
Die Stücke entstehen aus Alltagsproblemen oder reflektieren das Weltgeschehen. Aktuell probt das Ensemble literarische Texte, bei einer dieser Proben darf ich selbst dabei sein. Erstmal Check-In. Wie geht es jedem hier? Dann klassische Aufwärmübungen für die Energie auf dem knallgrünen Tanzboden. Der Raum mit den Säulen ist an den Rändern vollgestellt mit Bühnenrequisiten und einem Flügel. Hier findet heute eine Textprobe statt.

Zwischen den vier Teilnehmenden spreche ich mit Robin. Im Hintergrund rauscht die Neiße. Robin studiert Informatik und ist neu im Ensemble. Er trägt Dreitagebart und einen schwarzen Hoodie. Für die Proben skippt er auch mal eine Vorlesung. Das Angebot des StudierendenEnsembles klang für ihn nach einem Angebot, das ihn zunächst interessiert, „aber ich bin halt so ein Mensch, der sich das dann mal angucken geht. Ich interessiere mich für viele Dinge und wenn dann jemand reinkommt und sagt: ‘Hey, das ist ganz cool’, dann guck ich mir das mal an. Und dann war ich hier und wir haben erste Übungen gemacht. Das fand ich sehr angenehm und deshalb bin ich geblieben.“
Theater ist für Robin eine gute Möglichkeit, sich selbst auszudrücken. Es hat jedoch eine Weile gebraucht, bis er gelernt hat, sich emotional von den Rollen, die er auf der Bühne spielt, abzukoppeln und seine eigenen Grenzen zu finden. Vor seiner Teilnahme beim StudierendenEnsemble hatte Robin noch keine Theatererfahrungen. Heute findet er es besonders faszinierend, eine Rolle so akkurat darzustellen, dass das Publikum erkennt, welche Figur dargestellt wird, ohne dass es ausgesprochen werden muss. „Da zählt das kleinste Detail!“, erklärt Robin, während er mit seinen Händen über den Tisch streicht.
„Theater ist für mich: Die Leute müssen selbst für sich zusammenbasteln, was es ist.“

Für Robin ist klar, dass Theater nichts Langweiliges an sich hat, da die Zuschauenden immer wieder herausgefordert werden. Zum einen mitzudenken, zum anderen das Gesagte so zusammenzubasteln, dass im Kopf eine Geschichte entsteht. „Viele Menschen, die ins Theater gehen, gucken sich das halt an und sagen: Ja, schön! Die meisten Leute denken, dass Theater wie ein Film ist. Aber beim Theater geht es vielmehr um die eigene Interpretation dessen, was da vorne vorgetragen wird. Und wenn du in ’n Theaterstück gehst und nicht nur das Theaterstück anguckst, sondern schaust, wie die Spieler das spielen, was sie in dem Moment empfinden, dann kannst du da auch noch viel tiefer eintauchen. Theater ist viel persönlicher, als wenn du einfach auf einen Film guckst.“
Redaktion: Willem Barthelme, 09. März 2026
Im zweiten Teil dieses Berichts spricht Autorin Hannah mit der Hinterlandbühne von Görlitz.