AUSSTELLUNGSBESPRECHUNGEN
von Athanase Roßberg
Nicht das Schöne, sondern das, was wirklich sichtbar ist
„Diane Arbus“ im Gropius Bau Berlin
Ein Experiment. Gehen Sie raus. Auf die Straße, in den Park, oder setzen Sie sich in einen Bus. Und dann sehen Sie sich die Menschen um sich herum an, ihre Eigenheiten und ihre Gemeinsamkeiten. Und dann fragen Sie sich: Sehe ich wirklich urteilsfrei auf diese Menschen? Sehe ich die Menschen so wie sie sind? Oder sehe ich nur, was in meine Erfahrung passt?
Diese Gedanken werden helfen, die Kunst und gerade die Fotografie noch einmal anders zu sehen.

Diane Arbus: Konstellationen, Installationsansicht, Gropius Bau, 2025
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk. Alle Kunstwerke © The Estate of Diane Arbus, Collection Maja Hoffmann/LUMA Foundation
Ortswechsel: Berlin, Martin-Gropius-Bau. In den hellen Räumen sind schwarze Metallgitter wie zu einem Labyrinth aufgestellt und versperren blickdurchlässig den Weg. Auf diesen dunklen Stäben finden sich 454 Fotografien der amerikanischen Fotografin Diane Arbus (1923-1971) in einer frei zusammengestellten Reihenfolge, ohne Chronologie oder thematische Gruppierung. Bei dieser Breite an Werken ist ein genaues Studieren kaum möglich. Daher ist der Ausstellungsbesuch von Beginn an ein Durchstreifen mit dem Ziel, die Bilder nur auf sich wirken zu lassen.
Da ist diese junge Frau, die etwas zurückhaltend auf der Bank sitzt, die Finger um ihre Korbtasche gelegt, so als müsste sie direkt wieder aufbrechen. An anderer Stelle sieht man zu einem Portrait von Helene Weigel hinauf und spürt einen tiefen Drang in ihrem Blick. Oder die Kinder, welche sich hinter selbstgebastelten Masken vor uns verbergen. All diese Fotografien sind eindrücklich und auf ihre Art unerwartet. Und vor allem die Werke, welche die Außenseiter und Eigenbrötler, die Drag-Künstler*innen und Menschen mit Behinderungen zeigen, sind berührend und machten Diane Arbus weltbekannt.

Diane Arbus, Triplets in their bedroom, N.J. 1963
© The Estate of Diane Arbus, Collection Maja Hoffmann/LUMA Foundation
Sehen Sie sich Triplets in their bedroom, N.J. von 1863 an, und Sie werden die Leistung von Diane Arbus erkennen: Sie schafft es, Menschen mit Achtung darzustellen, ohne sie zu überhöhen oder ihre sichtlichen Eigenheiten zu bewerten. Dabei sollte man auch die Kritik an den Werken nicht unbeachtet lassen: So sah die amerikanische Kulturtheoretikerin Susan Sontag in Arbus‘ Bildern eine Ästhetisierung des Hässlichen – für sie trugen die Bilder auch immer ein Herabsehen auf ihre Modelle in sich.
Genau diesen Drahtseilakt sollte man im Hinterkopf haben, wenn man die Werke betrachtet. Denn dadurch lernen wir, dem Sehen mit mehr Misstrauen zu begegnen und es nach den eigenen Vorurteilen und Prägungen zu untersuchen. Dass die Titel der Fotografien nur im Booklet und nicht in der Ausstellung selbst stehen, hilft dabei: Der Blick ist vom Vorwissen befreit.
Eine weitere Stärke dieser Art der Hängung ist die Möglichkeit, nach Bezügen zwischen den Bildern zu suchen: Wo sind sie sich gleich, und wo sieht man ihren Protagonist*innen einen ganz individuellen Umgang mit ihrer Verletzlichkeit, mit ihrer Unsicherheit und ihrem Stolz an? Denn die sichtbare Suche all dieser Menschen nach einem Platz in der Gesellschaft gibt diesen Bildern eine enorme Aktualität.

Diane Arbus, Two female impersonators backstage, N.Y.C. 1962
© The Estate of Diane Arbus, Collection Maja Hoffmann/LUMA Foundation
Es ist nicht möglich, alle Bilder und alle Geschichten bei einem einzigen Besuch zu erfassen, sodass einen die Ausstellung gegen Ende etwas überlädt und ermüdet. Aber wenn man sich Ruhe nimmt, an den Bildern stehen bleibt, die einen fesseln, dann zeigt sich die volle Stärke dieser Ausstellung und des Werkes von Diane Arbus. Und so kann jede*r Besucher*in am Ende vor allem zwei Erkenntnisse mitnehmen: Zum einen, wie Diane Arbus selbst sagt: “Ein Foto ist ein Geheimnis über ein Geheimnis“. Denn die wirkliche Wahrheit – jene, die nicht nur unsere eigene ist – werden diese Bilder wohl nie gänzlich verraten.
Und zum anderen bleibt etwas, wenn man aus der Ausstellung in die graue Masse Berlins tritt: Man lernt mit jedem Gesicht, das man trifft, immer wieder neu zu sehen.
Redaktion: Josephine Oess, 05. Januar 2026
„Diane Arbus: Konstellationen“, zu erkunden bis zum 18. Januar 2026 im Gropius Bau, Berlin